Schulzeitverkürzung 2004 - Position der Landesschülervertretung
Bayern
Die LSV Bayern, Landesvereinigung der bayerischen
Bezirksschülersprecher e.V. lehnt die flächendeckende Einführung des
achtjährigen Gymnasiums in Bayern zum Schuljahr 2004/2005 unter den
derzeit von der bayerischen Staatsregierung propagierten Eckpunkten
generell ab.
Wir fordern, mit der Einführung des verkürzten
Gymnasiums nicht unnötig Ressourcen zu verschwenden, sondern diese
in sinnvolle und dringend benötigte Reformen des bayerischen
Schulsystems und der bayerischen Schulstruktur im Ganzen zu
investieren. Wir fordern in alle weiteren Planungen einbezogen zu
werden und die Berücksichtigung unserer Interessen und Vorschläge.
Die zum jetzigen Zeitpunkt bekannten Bedingungen,
unter denen die gymnasiale Schulzeit verkürzt werden soll, zeichnen
für uns ein Bild eines überstürzten und konzeptlosen Vorgehens der
bayerischen Staatsregierung. Das Aufoktroyieren von „Reformen“ ohne
Rücksprache oder Diskussion mit den Beteiligten und Betroffenen
stehen im klaren Missklang mit unserem Verständnis von Demokratie.
Die Tatsache, dass die Einführung bereits zum nächsten Schuljahr
erfolgen soll und offensichtlich ohne eine ausreichende,
konstruktive Kürzung des Lerninhalts vorgenommen werden soll,
bereitet uns große Sorgen: Die Folgen dieses verkürzten gymnasiums
wären ein deutlich gesteigerter Leistungsdruck für die Schülerinnen
und Schüler und kaum absehbare Auswirkungen auf das
außerunterrichtliche und außerschulische Engagement von Schülerinnen
und Schülern als auch von den Lehrerinnen und Lehrern.
Der nicht zu Ende geführte Schulversuch „Das
achtjährige Gymnasium in Bayern“ bestätigt unsere Befürchtungen: Die
bereits am neunjährigen Gymnasium fehlende individuelle Förderung
von Schülerinnen und Schülern wird am verkürzten Gymnasium erst
recht nicht möglich sein - die vom Staatsministerium hochgelobten
Intensivierungsstunden, die individuelle Förderung für
leistungsschwächere und leistungsstärkere Schülerinnen und Schülern
ermöglichen sollen, erfüllen diesen Anspruch nur auf dem Papier.
„Individuelle Förderung“ bedeutet auf die Bedürfnisse und
Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler einzugehen und sie nicht
auf andere Schularten abzuschieben, wie es in unserem jetzigen,
gegliederten Auslesesystem vorgesehen ist. Diese zusätzlichen
Schulstunden mussten in den Versuchsklassen in der Regel dazu
genutzt werden, den regulären Unterrichtsstoff zu vermitteln.
Einzelne Stunden am Nachmittag haben nichts mit individueller
Förderung zu tun; individuelle Förderung muss unabdingbarer
Bestandteil und höchste Priorität des Unterrichts sein.
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Die Einführung des verkürzten Gymnasiums würde zudem die
Durchlässigkeit des bayerischen Schulsystems noch weiter verringern.
Will eine Schülerin oder ein Schüler nach der mittleren Reife mittels
einer Übergangsklasse auf das dann verkürzte Gymnasium übertreten,
sieht sie oder er sich einer Stofffülle gegenübergestellt, die kaum
noch zu bewältigen ist.
Die Landesschülervertretung Bayern stellt sich keinesfalls gegen eine
in Bayern dringend benötigte, umfassende Schulreform. Die Verkürzung
der gymnasialen Schulzeit aus Gründen der wirtschaftlichen
Konkurrenzfähigkeit ist jedoch kontraproduktiv und nicht
nachvollziehbar. Schulische Bildung darf sich in keinem Fall an
wirtschaftlichen Interessen orientieren - stattdessen muss sie zu
jeder Zeit das alleinige Ziel haben, Schülerinnen und Schüler die
Möglichkeit zu geben eine Persönlichkeit zu entwickeln, sie gemäß
ihren Interessen und individuellen Fähigkeiten bestmöglich auf das
Leben vorzubereiten und eben nicht perfekte Menschen für das
Arbeitsleben in einer von Leistung bestimmten Gesellschaft
hervorzubringen.
Schule muss Spaß machen und Lebensraum für Schülerinnen und Schüler
sein - durch Nachmittagsunterricht und erhöhten Leistungsdruck würde
dieser Soll-Zustand in eine immer tiefer werdende Diskrepanz zum
Ist-Zustand fallen, da für außerunterrichtliche Aktivitäten, wie
Arbeitskreise, Orchester oder SMV-Arbeit kaum Zeit bleiben würde.
Schule würde immer mehr zur reinen „Paukanstalt“ und damit zu einer
noch größeren Belastung für die Schülerinnen und Schüler.
Einstimmmig
verabschiedet von der Mitgliederversammlung vom 16.01. - 18.01.2004.
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