Süddeutsche Zeitung vom 23.02.2004


Tritt vors Schienbein
Politikertochter verpetzt ihre bayerische Schule und lobt das G 8 /Von Peter Schmitt


Womöglich hätte sie besser geschwiegen, statt dem Bayernkurier freimütig ihre Erlebnisse am Staatlichen Gymnasium 1 im thüringischen Sonneberg anzuvertrauen und bei der Gelegenheit den Lehrern am Arnold-Gymnasium im oberfränkischen Neustadt bei Coburg so richtig ans Schienbein zu treten. Dem CSU-Organ waren die Aufschlüsse der 19-Jährigen indessen einen längeren Bericht zum Thema G 8 wert. Die einstige Schülerin wurde zur Kronzeugin für die rasche Einführung des auf acht Jahre verkürzten Gymnasiums in Bayern erhoben. So ganz ging das Kalkül jedoch nicht auf. Zunächst unterschlug der Autor des Bayernkurier schamhaft, dass es sich bei der inzwischen zurPädagogikstudentin mutierten Schülerin um die Tochter des CSU-Staatssekretärs Jürgen Heike handelt. Der hatte im vergangenen Oktober den Sprung aus den mittleren Reihen der Landtagsfraktion in das Sozialministerium geschafft. Davor war der Rechtsanwalt mit dem Versuch aufgefallen, einem Mitglied der Grünen-Fraktion im Kreistag von Coburg eine frühere Stasi-Tätigkeit anzulasten. Die aus Thüringen stammende
Kreisrätin hatte das Verfahren wegen Steuerhinterziehung gegen den früheren CSU-Generalsekretär Bernhard Protzner ins Rollen gebracht. Aversionen gegen die zwölfklassige ehemalige Erweiterte Oberschule (EOS) im thüringischen Sonneberg hegte man in der Familie des Staatssekretärs hingegen nicht, als der Tochter nach eigenem Bekunden in Neustadt eine Ehrenrunde drohte.

 
 
Sie wechselte in der zehnten Klasse über die Grenze und schaffte das Abitur in Rekordzeit. "Früher amüsierten sich CSU-Politiker darüber, wenn ein bayerischer Gymnasiast von Aschaffenburg nach Frankfurt ging, um dort ein Spitzenabitur zu machen", mokierte sich der stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. Noch mehr Ärger löste der Artikel in der Heimatstadt der Studentin aus. Schließlich hatte sie sich ungeschminkt über ihre ehemaligen Neustädter Lehrer beklagt, "die ihr Ding einfach durchzogen"
und sich wenig um die individuellen Schwächen der Schüler kümmerten. In Sonneberg seien die Lehrer durchweg besser, weil sie die Vermittlung von Fähigkeiten und die Auseinandersetzung mit dem Stoff in den Vordergrund rückten statt wie in Bayern stures Faktenwissen zu pauken. Überhaupt hätten sich ihre früheren Lehrer in Neustadt größtenteils als pädagogisch ziemlich "ungebildet" erwiesen.
Seither leben Lokalzeitungen im Coburg-Neustädter Raum von Zuschriften empörter Lehrer, Schüler und Eltern. Eine ganze Gymnasialklasse bedauerte: "Es ist schade, dass Du Dich derart unsachlich geäußert hast." Die Personalratsvorsitzende des Arnold-Gymnasiums kritisierte, "mit solchen Beschimpfungen werden der geplanten gymnasialen Schulreform Bärendienste erwiesen". Darüber möge auch "der Herr Staatssekretär" nachdenken, ehe er weiter mit dem Beispiel seiner Tochter für das G 8 werbe, empfahl sie. Die konservative Nürnberger Zeitung stellte fest: "Wenn man auf diesem Niveau über Schulreformen argumentiert, dann wird es künftig noch mehr Probleme geben". Saskia Heike jedenfalls tauge nicht als Kronzeugin für die Einführung des G 8 und auch sonst nicht als Vorbild.
Peter Schmitt
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